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Nr. 63.
Sonnabend, den 31. Mai 1913.
50. Jahrgang.
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Hohes Haus! Die Ereignisse auf dem Balkan
haben sich in einer Weise entwickelt, daß Oesterreich
nunmehr in der größten Gefahr schwebt, seine Groß-
machtstellung und handelspolitische Bedeutung auch
im Orient völlig einzubüßen. Wir haben die Oktu-
pation durchgeführt, weil Europa uns mit dieser
Mission betraut hat und dadurch der Drang Oester-
reichs nach dem Südosten seine Erfüllung finden
sollte, weil wir dadurch den Weg nach Saloniki uns
lichern wollten, ein jahrhundertlanger Traum, der
jetzt zu Ende geträumt ist.
Annexion und Balkankrieg.
Der Besitz, den wir zur Sicherung dieses Weges
dann später annektiert haben, ist uns jetzt zu einer
schweren Last geworden, weil man bei der Annexion
es leider verfäumt hat, auch den Sandschak zu annek-
tieren. Man hat dadurch den Sandschak, den man
immer als den Durchgang nach Saloniki
bezeichnete, den uns politisch und handelspolitisch
feindlichen Mächten überlassen. Es war selbst-
verständlich, daß der Balkanbund, von dem wir
ebenso überrascht wurden wie ganz Europa, im
Augenblick seines Entstehens sofort die Spitze
gegen uns richtete. Der Balkankrieg hatte eigent-
lich den Hauptzweck, den natürlichen Bundesgenossen
des Dreibundes im Orient, die Türkei, beiseite zu
räumen, um vor allem die Situation Oesterreichs
dort zu schwächen. Wie überraschend es für die Tür-
kei selbst war, daß wir den Sandschak nicht annet-
tierten, ging schon daraus hervor, daß die Türkei,
wenn sie auf den Besitz dieses Landes Wert gelegt
hätte, doch vor allem den Versuch hätte machen
müssen, diesen Besitz militärisch sicherzustellen. Sie
hat aber nur ganz unausgebildete Mannschaften dort-
hin gelegt, wie man an den türkischen Soldaten in
Znaim und Reichenberg sehen kann, die zu Beginn
des Krieges auf bosnisches Gebiet übergetreten waren.
Die Türkei wußte mit dem Sandschak absolut
nichts anzufangen. Der ganze Balkankrieg ist dadurch
erst möglich geworden, daß Oesterreich seinerzeit die
definitive Besitznahme des Sandschaks unterließ und
dadurch den christlichen Balkanstaaten geradezu ein
vorbereitetes Gebiet hergab. Wie sehr der Krieg
der Balkanstaaten gegen die Türkei eigentlich seine
Spitze gegen Oesterreich richtete, zeigte sich, als nach
Verdrängung der Türken bis an das Marmarameer
Serbien ich anschickte, einen Korridor durch Alba-
nien zu brechen, um sich einen Anteil an der Adria
zu sichern. Ich habe damals in der Delegation auf
Gefahr hingewiesen, daß wir die Adria nicht
mehr mit Italien allein, sondern auch mit einer fla-
wischen Macht teilen sollen, daß ein bisheriger fla-
wischer Binnenstaat auf dem Balkan in eine
Mittelmeermacht verwandelt werden soll, daß wir in
Hinkunft noch viel schwerer einen halbwegs annehm-
baren Handelsvertrag mit Serbien schließen könnten,
sobald Serbien die Möglichkeit hätte, seinen Vieh-
export ganz gegen das außerordentlich aufnahms-
fähige Italien abzulenken. Man hätte erwarten kön-
nen, daß nunmehr Oesterreich ein Zeichen von Energie
geben, daß es mit starker Hand in die Entwicklung
der Dinge eingreifen würde. Dann wäre es auf
dem Balkan ganz anders gekommen. Das hätte
durchaus nicht zum Kriege führen müssen. Es ist
albern, daß man uns Deutschnationale für „Kriegs-
hetzer“
erklärt hat. Aber wir haben die außer-
ordentliche starke Vermehrung unserer Wehrmacht nur
bewilligt, daß der Staat imstande sein soll, seine
Lebensinteressen nachdrücklich zu ver-
treten und auch unseren handelspolitischen
Interessen Geltung zu verschaffen, wenn sie durch
die
Balkanvorgänge irgendwie tangiert sein sollten.
(Lebhafte Zustimmung bei allen Deutschnationalen.)
Zukunft werden wir sehr schwer in der Lage
gegenüber den Wählern die Zustimmung zu
einer Vermehrung der Wehrmacht zu ver-
treten, wenn die Regierung den entscheidenden
Augenblick nicht zu gebrauchen versteht
und Oesterreich einer Einbuße an Prestige in ganz
Europa aussetzt, die natürlich auch handelspolitisch
nicht ohne Folgen sein kann. Hätte Oesterreich da-
mals erklärt, unter keinen Umständen eine Besitz-
ergreifung an der Andria seitens Serbiens zu dulden,
so hätten die Serben Hals über Kopf von Adria-
nopel abrücken müssen, die Türken hätten Luft be-
kommen, die starken Nachschübe aus Anatolien hät-
ten herangezogen werden können. Das hätte einen
solchen Umschwung mit sich gebracht, daß die Dinge
auf dem Balkan vielleicht anders aussehen würden.
Die Deutschen und die Veränderungen
am Balkan.
Ich mache kein Hehl daraus, daß die Deutschen
allen Grund haben, die Veränderung der Macht-
verhältnisse auf dem Balkan lebhaftest zu beklagen,
und daß Oesterreich allen Grund gehabt hätte, recht-
zeitig zu verhindern, daß die Türkei aus Europa
hinausgedrängt werde und an ihre Stelle die revo-
lutionären Gebilde neuer flawischer Staaten sich setzen.
Statt Zeichen der Entschlossenheit und des Willens
zum Leben zu geben, hat man sich sogar in Friedens-
duseleien eingelassen. Eine Friedenstaube ist mit dem
Oelzweig im Schnabel an die Newa geflattert. Die
Welt hat das nicht als Ausdruck der Friedensliebe,
sondern als Zeichen einer Aengstlichkeit und Zurück-
haltung genommen, die ganz und gar nicht den
Kräften entsprach, über die unser Staat zur Ver-
teidigung seiner Lebensinteressen verfügt hätte.
Zu diesem Text des Auswärtigen Amtes hat sein
literarisches Bureau die Melodie geschrieben. Dieses
Bureau hat bewiesen, daß es seinen Aufgaben ganz
und gar nicht gewachsen war. An die Stelle der
Türkei, die für uns handelspolitisch einen bedeutenden
Wert repräsentierte und geradezu bestimmt war, einst
die Macht des auf Abwehr und Friedenssicherung
berechneten Dreibundes gegenüber den aggressiven
Tendenzen der Tripelentente zu stärken, sind nun
uns alles eher als freundlich gesinnte Staaten ge-
treten.
Die Gefahr des Trialismus.
An Stelle der Türkei ist nun ein Gebiet getreten,
das noch nicht zur Ruhe gekommen ist und in ab-
sehbarer Zeit nicht zur inneren Ruhe kommen wird
und kann, weil es durchaus revolutionär ist. Man
sieht ja, wie die Serben und Bulgaren einander in
die Haare zu geraten im Begriffe sind. Dr. Kra-
marsch vergießt in einem Artikel der „Narodni Listi“
darüber Tränen und sagt: Ein fester serbisch-bul-
garischer Bund ist der beste Schutz gegen die Deut-
schen, weil dieser Bund eine große Militärmacht be-
deutet, und eine unschätzbare moralische Stütze den
Südslawen in Oesterreich zu bieten vermag. Daraus
sieht man den wahren Grund der Freude der öster-
reichischen Slawen über die Siege der Balkanstaaten
und worauf es bei den ganzen panslawistischen Ten-
denzen eigentlich abgesehen ist. Die Spitze dieses
Bundes richtet sich nicht so sehr und ausschließlich
gegen die Türkei als vielmehr gegen Oesterreich und
das mit ihm verbündete Deutsche Reich. Wozu
brauchen dann die Südslawen in Oesterreich diese
moralische Stütze? Was soll denn aus den Siegen
der Balkanslawen und der dadurch bewerkstelligten
Influenzierung des Südslawentums in Oesterreich sich
herausgestalten? Der Trialismus. Und was
dieser für Oesterreich und das Deutschtum bedeutet,
zu erörtern, ist überflüssig. Die Warnung vor
diesem Trialismus möchte Redner nicht so sehr
an das Deutschtum richten, sondern nach Schön-
brunn und ins Belvedere. Er möchte drin-
gend raten, daß man den Dingen dort das
Hauptaugenmerk zuwende, wo man an dem Bestande
Oesterreichs in seiner gegenwärtigen Form immer
noch viel mehr und größeres Interesse haben muß
als bei den Deutschen.
auf dem Balkan üblichen Weise — der Balkan ist
ja ein Exportgebiet auch für unsere Operettenstoffe
den Krieg eröffnet, indem er dem Kronprinzen
den ersten Schuß abfeuern ließ. Man weiß nicht,
ob der Schuß sein Ziel getroffen hat, aber unsere
Kurse stürzten fabelhaft. Der Erfolg kam denen zu-
gute, die ein paar Tage vorher a la baisse spekuliert
hatten. Es wird in Verbindung mit einem Wiener
Bankhaus auch der Name eines Balkankönigs ge-
nannt, der in seiner Pose dadurch etwas einbüßt.
Wie er den Krieg mit einem Beutezug auf unsere
Taschen eröffnet hat, hat er ihn auch damit ge-
schlossen. Das Aufgeben Skutaris wurde ein paar
Tage verzögert, weil er mittlerweile hier a la hausse
spekulierte. So hat er bei dem Kriege, wie es
scheint, recht ausgiebig für die Befriedigung seiner
persönlichen Bedürfnisse Sorge getragen. Der Kurs
unserer Rente aber hat während der letzten zwei
Jahre außerordentliche Bewegungen auf und ab
durchgemacht. Unsere Rente ist geradezu zum Spiel-
ball panslawistischer Launen geworden. Von der
Newa und den Hauptstützpunkten des Panslawismus
aus, wird mit unserer Rente Schindluder getrieben.
Ohne daß man es ernstlich auf einen Krieg abge-
sehen hat, durch die bloße Drohung kann man
einen Sturz, durch eine freundliche Miene ein Stei-
gen unserer Rente herbeiführen und in unseren Ta-
schen wühlen. So kann es nicht weitergehen. Dem
wäre aber vorzubeugen gewesen, wenn man in einem
für die Lebensinteressen Oesterreichs entscheidendn
Augenblick seine Kraft gebraucht und sich Ruhe er-
zwungen hätte.
Die Handelsverträge mit den Balkanstaaten.
Es war jetzt schon schwer, mit den Balkanstaaten
Handelsverträge zu schaffen. Aber wenn Serbien auch
einen Anteil an der Meeresküste nicht bekommen hat,
ist doch durch die Eroberung der Ostküste durch die
flawischen Balkanstaaten eine Verbesserung ihrer Lage
eingetreten. Und was geschieht mit dem ganzen großen
Gebiete, aus dem die Türkei jetzt verdrängt worden
ist? Mit diesem standen wir in den allerbesten
Handelsbeziehungen. Moltke sagte einmal: „Der
Türke ist der einzige Gentleman auf dem Balkan.“
Handelsverbindungen mit Serbien und Griechenland
wurden in ihrer Sicherheit von den Beteiligten un-
gefähr gleich eingeschätzt wie Handelsbeziehungen mit
Galizien. Die Türkei hat trotz des ungünstigen
Kriegsverlaufes kein Moratorium erlassen, während
alle Balkanstaaten noch vor dem ersten Schuß Mo-
ratorien erließen, die immer wieder angestückelt
werden.
Unsere volkswirtschaftlichen Einbußen.
Ein Moratorium ist für einen Griechen, für
einen Serben nichts anderes als der Vorwand
zur Verschiebung der Zahlungen auf St.
Nimmerleinstag.
Die von unseren Kaufleuten dort erlittenen Ver-
luste sind kolossal, während die Verluste in der Türkei
verhältnismäßig sehr geringe sind. Mit den bisher
der Türkei gehörigen Gebieten hatten wir Handels-
beziehungen auf Grund der 11prozentigen Wertzölle,
also weit niedriger als die Zollsätze, auf Grund
deren wir mit den christlichen Balkanstaaten Handel
treiben. Wenn einmal die Verteilung der annek-
tierten Gebiete erfolgt sein wird, wird natürlich das
erste, was die neuen Besitzer tun werden, die Er-
höhung der Zölle auf unsere bisherigen Vertrags-
posten sein. Das bedeutet für uns neue Einbußen
nach Millionen. Ruhe wird auf dem Balkan in ab-
sehbarer Zeit nicht zu erreichen sein, er steckt noch
so voller Krisen, daß an jedem Punkt kriegerische
Verwicklungen sich vorausahnen lassen. Für jetzt ist
nur das eine klar, daß an Stelle einer uns freund-
lich gesinnten Macht eine andere getreten ist, von
der wir in jedem Augenblick feindseligen Tendenzen
gewärtig sein müssen.
Der Standpunkt der „goldenen Gaus“.
Der Minister des Aeußern kann allerdings ein-
wenden, bei den inneren Zuständen in Oesterreich
Die Rede K. H. Wolfs.
(Zum Budgetprovisorium im Abgeordnetenhause.)
Die Panslawisten als Börsensvekulanten.
Der König von Montenegro hat nun in der
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