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Nr. 63. Sonnabend, den 31. Mai 1913. 50. Jahrgang. Buschriften und Berichte werden bis Dieustag, Donnerstag und Sonnabend 8 Uhr vormittags, Anzeigen bis Dienstag, Donnerstag und Sonnabend vormittags späteßtens 10 Uhr engenommen in dir Schriftleitung bez. Verwaltung Untere Selbergasse 420. eanschluf No. 18. Gemeinde-Zeitung für Asch und Umgegend. Fernsprechanschluß Mo. Bezugsbedingungen: mit Volzusondung [amt Zustellung ins Hans viertetjahrl vierteljährlic 8 x—1 vierteljährl 3x1 fer's Ausland 1=1 Erscheint jeden Dienstag, Donnerstag und Sonnsdend nachweittags mit den Bellagen „Muflriertes Familienblatt“ und „Humoristische Blättgr“. Anzeigengebühr für die Kletnzels oder deren Ranm 10 B. Bet öfteatn Ehεtyφzen ober größeren Ankündigungen entsprechender Rahatt. Hohes Haus! Die Ereignisse auf dem Balkan haben sich in einer Weise entwickelt, daß Oesterreich nunmehr in der größten Gefahr schwebt, seine Groß- machtstellung und handelspolitische Bedeutung auch im Orient völlig einzubüßen. Wir haben die Oktu- pation durchgeführt, weil Europa uns mit dieser Mission betraut hat und dadurch der Drang Oester- reichs nach dem Südosten seine Erfüllung finden sollte, weil wir dadurch den Weg nach Saloniki uns lichern wollten, ein jahrhundertlanger Traum, der jetzt zu Ende geträumt ist. Annexion und Balkankrieg. Der Besitz, den wir zur Sicherung dieses Weges dann später annektiert haben, ist uns jetzt zu einer schweren Last geworden, weil man bei der Annexion es leider verfäumt hat, auch den Sandschak zu annek- tieren. Man hat dadurch den Sandschak, den man immer als den Durchgang nach Saloniki bezeichnete, den uns politisch und handelspolitisch feindlichen Mächten überlassen. Es war selbst- verständlich, daß der Balkanbund, von dem wir ebenso überrascht wurden wie ganz Europa, im Augenblick seines Entstehens sofort die Spitze gegen uns richtete. Der Balkankrieg hatte eigent- lich den Hauptzweck, den natürlichen Bundesgenossen des Dreibundes im Orient, die Türkei, beiseite zu räumen, um vor allem die Situation Oesterreichs dort zu schwächen. Wie überraschend es für die Tür- kei selbst war, daß wir den Sandschak nicht annet- tierten, ging schon daraus hervor, daß die Türkei, wenn sie auf den Besitz dieses Landes Wert gelegt hätte, doch vor allem den Versuch hätte machen müssen, diesen Besitz militärisch sicherzustellen. Sie hat aber nur ganz unausgebildete Mannschaften dort- hin gelegt, wie man an den türkischen Soldaten in Znaim und Reichenberg sehen kann, die zu Beginn des Krieges auf bosnisches Gebiet übergetreten waren. Die Türkei wußte mit dem Sandschak absolut nichts anzufangen. Der ganze Balkankrieg ist dadurch erst möglich geworden, daß Oesterreich seinerzeit die definitive Besitznahme des Sandschaks unterließ und dadurch den christlichen Balkanstaaten geradezu ein vorbereitetes Gebiet hergab. Wie sehr der Krieg der Balkanstaaten gegen die Türkei eigentlich seine Spitze gegen Oesterreich richtete, zeigte sich, als nach Verdrängung der Türken bis an das Marmarameer Serbien ich anschickte, einen Korridor durch Alba- nien zu brechen, um sich einen Anteil an der Adria zu sichern. Ich habe damals in der Delegation auf Gefahr hingewiesen, daß wir die Adria nicht mehr mit Italien allein, sondern auch mit einer fla- wischen Macht teilen sollen, daß ein bisheriger fla- wischer Binnenstaat auf dem Balkan in eine Mittelmeermacht verwandelt werden soll, daß wir in Hinkunft noch viel schwerer einen halbwegs annehm- baren Handelsvertrag mit Serbien schließen könnten, sobald Serbien die Möglichkeit hätte, seinen Vieh- export ganz gegen das außerordentlich aufnahms- fähige Italien abzulenken. Man hätte erwarten kön- nen, daß nunmehr Oesterreich ein Zeichen von Energie geben, daß es mit starker Hand in die Entwicklung der Dinge eingreifen würde. Dann wäre es auf dem Balkan ganz anders gekommen. Das hätte durchaus nicht zum Kriege führen müssen. Es ist albern, daß man uns Deutschnationale für „Kriegs- hetzer“ erklärt hat. Aber wir haben die außer- ordentliche starke Vermehrung unserer Wehrmacht nur bewilligt, daß der Staat imstande sein soll, seine Lebensinteressen nachdrücklich zu ver- treten und auch unseren handelspolitischen Interessen Geltung zu verschaffen, wenn sie durch die Balkanvorgänge irgendwie tangiert sein sollten. (Lebhafte Zustimmung bei allen Deutschnationalen.) Zukunft werden wir sehr schwer in der Lage gegenüber den Wählern die Zustimmung zu einer Vermehrung der Wehrmacht zu ver- treten, wenn die Regierung den entscheidenden Augenblick nicht zu gebrauchen versteht und Oesterreich einer Einbuße an Prestige in ganz Europa aussetzt, die natürlich auch handelspolitisch nicht ohne Folgen sein kann. Hätte Oesterreich da- mals erklärt, unter keinen Umständen eine Besitz- ergreifung an der Andria seitens Serbiens zu dulden, so hätten die Serben Hals über Kopf von Adria- nopel abrücken müssen, die Türken hätten Luft be- kommen, die starken Nachschübe aus Anatolien hät- ten herangezogen werden können. Das hätte einen solchen Umschwung mit sich gebracht, daß die Dinge auf dem Balkan vielleicht anders aussehen würden. Die Deutschen und die Veränderungen am Balkan. Ich mache kein Hehl daraus, daß die Deutschen allen Grund haben, die Veränderung der Macht- verhältnisse auf dem Balkan lebhaftest zu beklagen, und daß Oesterreich allen Grund gehabt hätte, recht- zeitig zu verhindern, daß die Türkei aus Europa hinausgedrängt werde und an ihre Stelle die revo- lutionären Gebilde neuer flawischer Staaten sich setzen. Statt Zeichen der Entschlossenheit und des Willens zum Leben zu geben, hat man sich sogar in Friedens- duseleien eingelassen. Eine Friedenstaube ist mit dem Oelzweig im Schnabel an die Newa geflattert. Die Welt hat das nicht als Ausdruck der Friedensliebe, sondern als Zeichen einer Aengstlichkeit und Zurück- haltung genommen, die ganz und gar nicht den Kräften entsprach, über die unser Staat zur Ver- teidigung seiner Lebensinteressen verfügt hätte. Zu diesem Text des Auswärtigen Amtes hat sein literarisches Bureau die Melodie geschrieben. Dieses Bureau hat bewiesen, daß es seinen Aufgaben ganz und gar nicht gewachsen war. An die Stelle der Türkei, die für uns handelspolitisch einen bedeutenden Wert repräsentierte und geradezu bestimmt war, einst die Macht des auf Abwehr und Friedenssicherung berechneten Dreibundes gegenüber den aggressiven Tendenzen der Tripelentente zu stärken, sind nun uns alles eher als freundlich gesinnte Staaten ge- treten. Die Gefahr des Trialismus. An Stelle der Türkei ist nun ein Gebiet getreten, das noch nicht zur Ruhe gekommen ist und in ab- sehbarer Zeit nicht zur inneren Ruhe kommen wird und kann, weil es durchaus revolutionär ist. Man sieht ja, wie die Serben und Bulgaren einander in die Haare zu geraten im Begriffe sind. Dr. Kra- marsch vergießt in einem Artikel der „Narodni Listi“ darüber Tränen und sagt: Ein fester serbisch-bul- garischer Bund ist der beste Schutz gegen die Deut- schen, weil dieser Bund eine große Militärmacht be- deutet, und eine unschätzbare moralische Stütze den Südslawen in Oesterreich zu bieten vermag. Daraus sieht man den wahren Grund der Freude der öster- reichischen Slawen über die Siege der Balkanstaaten und worauf es bei den ganzen panslawistischen Ten- denzen eigentlich abgesehen ist. Die Spitze dieses Bundes richtet sich nicht so sehr und ausschließlich gegen die Türkei als vielmehr gegen Oesterreich und das mit ihm verbündete Deutsche Reich. Wozu brauchen dann die Südslawen in Oesterreich diese moralische Stütze? Was soll denn aus den Siegen der Balkanslawen und der dadurch bewerkstelligten Influenzierung des Südslawentums in Oesterreich sich herausgestalten? Der Trialismus. Und was dieser für Oesterreich und das Deutschtum bedeutet, zu erörtern, ist überflüssig. Die Warnung vor diesem Trialismus möchte Redner nicht so sehr an das Deutschtum richten, sondern nach Schön- brunn und ins Belvedere. Er möchte drin- gend raten, daß man den Dingen dort das Hauptaugenmerk zuwende, wo man an dem Bestande Oesterreichs in seiner gegenwärtigen Form immer noch viel mehr und größeres Interesse haben muß als bei den Deutschen. auf dem Balkan üblichen Weise — der Balkan ist ja ein Exportgebiet auch für unsere Operettenstoffe den Krieg eröffnet, indem er dem Kronprinzen den ersten Schuß abfeuern ließ. Man weiß nicht, ob der Schuß sein Ziel getroffen hat, aber unsere Kurse stürzten fabelhaft. Der Erfolg kam denen zu- gute, die ein paar Tage vorher a la baisse spekuliert hatten. Es wird in Verbindung mit einem Wiener Bankhaus auch der Name eines Balkankönigs ge- nannt, der in seiner Pose dadurch etwas einbüßt. Wie er den Krieg mit einem Beutezug auf unsere Taschen eröffnet hat, hat er ihn auch damit ge- schlossen. Das Aufgeben Skutaris wurde ein paar Tage verzögert, weil er mittlerweile hier a la hausse spekulierte. So hat er bei dem Kriege, wie es scheint, recht ausgiebig für die Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse Sorge getragen. Der Kurs unserer Rente aber hat während der letzten zwei Jahre außerordentliche Bewegungen auf und ab durchgemacht. Unsere Rente ist geradezu zum Spiel- ball panslawistischer Launen geworden. Von der Newa und den Hauptstützpunkten des Panslawismus aus, wird mit unserer Rente Schindluder getrieben. Ohne daß man es ernstlich auf einen Krieg abge- sehen hat, durch die bloße Drohung kann man einen Sturz, durch eine freundliche Miene ein Stei- gen unserer Rente herbeiführen und in unseren Ta- schen wühlen. So kann es nicht weitergehen. Dem wäre aber vorzubeugen gewesen, wenn man in einem für die Lebensinteressen Oesterreichs entscheidendn Augenblick seine Kraft gebraucht und sich Ruhe er- zwungen hätte. Die Handelsverträge mit den Balkanstaaten. Es war jetzt schon schwer, mit den Balkanstaaten Handelsverträge zu schaffen. Aber wenn Serbien auch einen Anteil an der Meeresküste nicht bekommen hat, ist doch durch die Eroberung der Ostküste durch die flawischen Balkanstaaten eine Verbesserung ihrer Lage eingetreten. Und was geschieht mit dem ganzen großen Gebiete, aus dem die Türkei jetzt verdrängt worden ist? Mit diesem standen wir in den allerbesten Handelsbeziehungen. Moltke sagte einmal: „Der Türke ist der einzige Gentleman auf dem Balkan.“ Handelsverbindungen mit Serbien und Griechenland wurden in ihrer Sicherheit von den Beteiligten un- gefähr gleich eingeschätzt wie Handelsbeziehungen mit Galizien. Die Türkei hat trotz des ungünstigen Kriegsverlaufes kein Moratorium erlassen, während alle Balkanstaaten noch vor dem ersten Schuß Mo- ratorien erließen, die immer wieder angestückelt werden. Unsere volkswirtschaftlichen Einbußen. Ein Moratorium ist für einen Griechen, für einen Serben nichts anderes als der Vorwand zur Verschiebung der Zahlungen auf St. Nimmerleinstag. Die von unseren Kaufleuten dort erlittenen Ver- luste sind kolossal, während die Verluste in der Türkei verhältnismäßig sehr geringe sind. Mit den bisher der Türkei gehörigen Gebieten hatten wir Handels- beziehungen auf Grund der 11prozentigen Wertzölle, also weit niedriger als die Zollsätze, auf Grund deren wir mit den christlichen Balkanstaaten Handel treiben. Wenn einmal die Verteilung der annek- tierten Gebiete erfolgt sein wird, wird natürlich das erste, was die neuen Besitzer tun werden, die Er- höhung der Zölle auf unsere bisherigen Vertrags- posten sein. Das bedeutet für uns neue Einbußen nach Millionen. Ruhe wird auf dem Balkan in ab- sehbarer Zeit nicht zu erreichen sein, er steckt noch so voller Krisen, daß an jedem Punkt kriegerische Verwicklungen sich vorausahnen lassen. Für jetzt ist nur das eine klar, daß an Stelle einer uns freund- lich gesinnten Macht eine andere getreten ist, von der wir in jedem Augenblick feindseligen Tendenzen gewärtig sein müssen. Der Standpunkt der „goldenen Gaus“. Der Minister des Aeußern kann allerdings ein- wenden, bei den inneren Zuständen in Oesterreich Die Rede K. H. Wolfs. (Zum Budgetprovisorium im Abgeordnetenhause.) Die Panslawisten als Börsensvekulanten. Der König von Montenegro hat nun in der
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