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�Karlsbader Wadeblatt und Wochenblatt“ Nr. 84
14. April 1898
Abgeordnete mit Gejohl und Fenstereinwerfen,
dann muss ein unvoreingenommener deutscher Wähler
von selbst zum Urtheil gelangen: Eine gute Sache
ist es sicherlich nicht, die zu ihrer Vertretung solcher
Mittel sich bedient.
Zumal deutschen Wählern Böhmens möge
getrost das Urtheil anheimgestellt werden, was
„schimpflicher“ ist? Von einem nicht bestrittenen
Rechte auf Besetzung von vier Delegationsman-
daten bedingunslos Gebrauch zu machen,
oder mit Hilfe tschechischer Stimmen ein Reichs!
rathsmandat zu erwerben, anderen aber über politi-
sche Moral Vorlesungen zu halten? Endlich mögen
die Wähler entscheiden, ob es gerechtfertigt war,
wegen einer Frage tactischen Vorgehens,
in der Frage der Anklage wider Gautsch, statt die
Geschichte hübsch unter sich auszukochen,
zum Gaudium der Tschechen und des Dr. Lueger
in öffentlicher Parlamentssitzung auszukramen und
Letzterem dadurch zur wohlfeilen Pose der Selbst-
verherrlichung wegen seiner „deutschen Treue“ zu
verhelfen?
Da wird es denn wohl jedem redlich denkenden
Wähler klar werden, daſs dieser, von Schönerer
vom Zaun gebrochene Krakeel, der auf der Straß-
fortgesetzt wurde, weiter nichts ist, als ein Schnapp-
zug nach Mandater auf Kosten der anderen
deutschen Parteien. Erlaubt ist das jedenfalls; ob
es auch anständig ist, mögen die Wähler entscheiden.
An vielen Orten nehmen diese nicht unreife
Elemente gerechtes Aergernis an der Friedens-
störung, an dem „Abfeuern des ersten Schusses“
in so schwerer Zeit, der nur auf das deutsche
Volksthum zurückprollen muss, weil dieses nur in
strammer Einheit gegenüber Thun und Com.
widerstandsfähig bleiben kann. Wir wollen gewiss
auch keine Einheit in der Lässigkeit;
allein der nationale Eifer zeigt sich auch noch in
etwas Anderem als in immerwährendem Lärm-
schlagen oder unausgesetzten Stumm'cenen. Jedes
Mittel hat seine Zeit; verdammlich aber zu jeder
Zeit sind jene Mittel, die zur Verhetzung der eigenen
Stammesgenossen führen.
Zur Situation.
Man schreibt uns aus Berlin:
Das Osterfest hat uns zwar noch nicht den
Frieden, aber doch wenigstens die Aussicht auf
Frieden gebracht. Und daſs man diese Aussicht
der moralischen Einwirkung Europas zu verdanken
hat, ist doppelt erfreulich. Wir sprechen von einer
Einwirkung und nicht von einer Einmischung. Zu
einer Einmischung hatte keine der curopäischen
Mächte directe Veranlassung genug. Eine Ein
mischung wird von einer der beiden streitenden Par-
teien immer, manchmal auch von beiden übel auf-
genommen, wenn sie Erfolg hat. Hat sie keinen
Erfolg, dann bleibt bei der Macht, die sich einge-
mischt hat, eine gewisse Missstimmung zurück, so
daſs eine Einmischung selbst im Falle des Erfolges
eine üble Nachwirkung hat. Darum eben hatte man
überall die Einmischung des Papstes mit Freuden
begrüßt, weil diese stets nur eine moralische sein
kann. Ob das Vorgehen des Papstes auch nicht
den vollen Erfolg hatte, es hatte doch den, dass
die europäischen Staaten nun auch Vorstellungen
machten, und die Amerikaner konnten sehen, daſs
der Krieg in Europa nicht gern gesehen würde, und
sie selbst mehr als die Spanier für den Bruch des-
selben verantwortlich gemacht werden.
Keinem Menschen in Europa fällt es ein, an
dem spanischen Regiment im Allgemeinen und dem
auf Cuba im Besonderen auch nur ein gutes Haar
zu finden. Was einem „sponisch“ vorkommt, ist
sicherlich weit entfernt, vernünftig zu sein Das
Maß der spanischen Misswirtschaft auf Cuba ist
wahrlich voll. Wir begreifen wohl, daſs man in
Amerika über diese Misswirtschaft,
de im Laufe
des Jahrhunderts unsägliches Elend verursacht, im
Laufe der letzten drei Jahre allein über 160'000
Menschenleben gekostet hat, alles Recht hat, ent-
rüstet zu sein. Man sieht es in Amerika ja vor
der Thür und mit eigenen Augen. Daſs die Jingos
und Sp culanten in den Vereinigten Staaten ganz
andere Zwecke verfolgen als die Beseitigung des
Elends auf Cuba, ändert nichts an der Thatsache,
daſs dieses Elend vorhanden ist und mit dem spa-
nischen Regiment sicher enden würde. Europa hätte
also eigentlich alle Ursache gehabt, gegen Spanien
Front zu machen. Daſs es dieses aber nicht that,
vielmehr indirect durch seine Versuche in Washingten
zu Gunsten des Friedens zu wirken, seine Sym-
pathie für Spanien bewies, hat jedenfalls den
amerikanischen Staatsmännern gezeigt, daſs man in
Europa anfängt, misstrauisch gegen das in letzter
Zeit mehrfach beobachtete aggressive Vorgehen der
Vereinigten Staaten zu werden, und noch haben
die Amerikaner Grund, das Misstrauen des ge-
einten Europas zu fürchten.
Unter solchen Umständen musste das geringste
Nachgeben Spaniens bei den ernsten amerikanischen
Staatsmännern die friedliche Disposition erhöhen.
Und Spanien hat nachgegeben. Es hat in der
„Maine“-Ungelegenheit, obschon eine directe Schuld
Spaniens gar nicht nachgewiesen worden ist, sich
bereit erklärt, sich einem Schiedsgerichte zu unter-
werfen und eine Hauptforderung der Amerikaner
durch Gewährung des Waffenstillstandes erfüllt.
Präsident Mac Kinley hat von beiden Zugeständ-
nissen in seiner Botschaft an den Congress Notiz
genommen, und es ist jetzt eine sogar breite Basis
vorhanden für weitere Verhandlungen zur Aufrecht-
erhaltung des Friedens. Diese haben umsomehr
Aussicht auf Erfolg, als Amerika vorläufig we-
nigstens den Besitz Cubas nicht erstrebt und Spanien
selbst ein dringendes Interesse daran hat, dem Blut-
vergießen auf Cuva ein Ende zu machen. Die von
Spanien bereits zugestandene Autonomie in sehr
weitgehendem Maße muss auch die Insurgenten
friedlicher stimmen, denn es ist wohl für sie eben-
so wenig ein Geheimnis wie für andere, daſs Auto-
nomie nur ein dem spanischen Stolze zu lieb ge-
wählter Ausdruck für Unabhängigkeit ist. Letztere
kann die Dynastie und kann die Regierung nicht
gewähren ohne Selbstmord zu begehen, wenigstens
nicht unter dem Druck einer fremden Macht. Wenn
aber wieder Ruhe eingekehrt sein wird, werden
spanische Staatsmänner für möglich halten, was
sie läugst hätten für weise halten müssen: die ohne-
hin schon autonome Insel gegen ein gut Stück Geld
ganz und gar frei zu geben.
Daſs man jetzt schon wieder an solche Eventu-
alitäten denken kann, zeigt, wie viel entfernter die
Kriegsgefahr ist.
Local-Nachrichten.
(Vom Centralpostgebäude) Die
Bausache des Karlsbader Centralpostgebäudes scheint
in das Tempo der weiland Thurn-Taxis'schen Post-
fahrten gerathen zu sein: es geht schneckenartig
schnell vorwärts. Bereits im Herbste mussten Knall
und Fall alle Läden und Wohnungen des zur De-
molierung bestimmten Hauses „Indigopflanze“ ge-
räumt werden, denn im Herbste sollte gebaut werden.
Doch siehe, der Instanzenzug schien noch nicht endgiltig
erschöpft, man verschob also die Inangriffnahme bis
zum Frühjahre. Freilich auch da ließ man sich Zeit,
denn Feber und März giengen vorüber, ohne daſs sich
eine Hand rührte. Nun endlich brachte der April den
erwünschten Baubeginn! Vor wenigen Tagen er-
schienen Zimmerleute und Bauarbeiter und fig wurde
mit der Abtragung des Nebengebäudes beim Hause
Jndigopflanze begonnen. Das Tentralpost-
amtsgebände wird endlich gebaut! —
Doch, es war nur ein Aprilscherz, welchen sich der
heilige Aerarius mit uns erlaubte, denn nicht um eine
Demolierung des kleinen Nebengebäudes handelte
es sich, sondern um einen Zubaul Wie staunte man,
als die Arbeiter, nachdem sie das Dach abgetragen,
plötzlich in der Demolierungsarbeit aufhörten und an-
fiengen, in die Höhe zu bauen! Nicht demoliert, son-
dern vergrößert wird das Häuschen. Man denkt noch
nicht daran, an die Errichtung des Centralpostge-
bäudes zu schreiten, sondern das löbliche hohe Aerar
wollte aus dem Objecte nur noch etwas herausschlagen
und vermietete dasselbe an einen Erfinder, wie
Ueber diesen counouloisch zuckenden, ungefügen,
barocken und plumpen Platten und Schnecken er-
heben sich bis knapp unter den bemalten Plafond
drei als Krönung der Altäre dienende Gruppen der
drei göttlichen Personen
Diese Gruppierung der drei göttlichen Personen
ist überdies nicht neu, denn sie findet sich schon.
(siehe Schulz, deutsches Leben, II. Theil, Seite 374)
wenn auch in anderer Ausführung auf dem im
bayerischen Nationalmuseum bewahrten Modelle zum
Grabmale Ludwig des Gebarteten von Bayern
(Ingolstadt) (gest. 1447).
Auch auf dem Bilde der Dreifaltigkeit, jetzt im
Belvedere zu Wien befindlich, 1511 von Albrecht
Dürer fertiggestellt, begegnen wir derselben Auf-
fassung
„Für die Staffierung „der drei in der Mitten
stehenden — in sich einerlei — Altäre“, heißt es
in einem diesbezüglichen, im Pfarrarchive zu Eagel-
haus vorfindlichen Schriftstücke, erhielt ein Maler
aus Prag 1000 Gulden. Nach der Höhe des für
damalige Zeiten sehr hohen Betrages müssen hier
wohl nicht nur die Staffierungs, sondern die
Gesammtkosten der Herstellung der Altäre überhaupt
gemeint gewesen sein?! Hat doch der Bau des
Kirchleins (ohne Einrichtung) im Ganzen nur 1242 fl.
rheinisch gekostet, wie aus derselben oben angezogenen
Urkunde ersichtlich ist.
Was den an der Südwestfront des Kirchleins
angelegten, wenig geschmackvollen Hauptaltar an-
belangt, ist nachweisbar, daſs ihn ein Rakowitzer
Meister um 40 fl. rheinisch herstellte. Er zeigt
flache, bandartige, vielfach verschlungene abgeschmackte
Formen und macht ganz den Eindruck handwerks-
mäßiger Pfuscherei.
Auch von den anderen Einrichtungsgegenständen
ist nicht viel zu erzählen. Die in den Wandschlänken
postierten Heiligenstatuen sind meist wertlose Ent-
stellungen, auch die kleine, nur 3 Octaven führende
Orgel ist kin Kunstwerk. Immerhin aber sprechen
ihre Formen ganz die Sprache ihrer Zeit und ihre
Accorde klingen trotz der 14 Jahrzehnte immer
noch voll, anmuthend und kräftig. Sie wurde, wie
aus einem an ihr angehesteten mit dem Bruder-
schaftskreuz bemalten Chronosticon ersichtlich ist,
i. J. 1753 durch einen frommen Entschluss des
Grafen Hartig unter dem Bruderschaftspräsidenten
Frank (zugleich Pfarrer in Engelhaus) gestiftet.
Eine ähnliche, wenn auch größere Orgel, fand der
Verfasser dieser Zeilen in dem Niedermünster
zu Regensburg und — im gothischen! St.
Veitsdome in Prag. Besonders letztere ist ihr
in der Stikart vollständig gleich, so daſs man um
soeher an die gleiche Ursprungswerkstätte der beiden
Instrumente zu denken vermöchte, als auch die
Sakristeialtäre von Prag aus geliefert worden
waren. Das schönste Einrichtungsstück der kleinen
Kirche, die Kanzel, ist zugleich auch das einfachste.
Sie bewegt sich in einfachen, aber höchst stilgerechten
Schwunglinien und hat eine freilich gigantischere,
aber sehr ähnliche Doppelgängerin in Fischer von
Erlachs Kollegiumskirche in Salzburg.
Da sich in Engelhaus zu damaliger Zeit in-
folge des als Sitz der Bruderschaft hoch in Ansehen
stehenden Dreifaltigkeitskirchleins oftmals große
Scharen von Andächtigen zusammenfanden, um das
Wort Gottes zu hören, bot das kleine Gotteshaus
nicht genug Raum für alle, weshalb die Predigten,
wenn es die Witterung gestattete, im Freien abge-
halten wurden. Zu diesem Zwecke war an der
Nordseite des Kirchleins eine, nun in Verfall gerathene
und beräumte Feldkanzel aufgerichtet gewesen. An
die stumpfen Ecken der dreieckigen Friedhofsmauer
pflanzten unsere Vorväter je ein Paar Lindenbäume,
die nun, zum Theil mächtig entwickelt, zum Theil
vom Sturme gebrochen, der Landschaft einen eigen-
artigen, ernsten Character verleihen.
Die Biederkeit und Treue der in einfachen
Verhältnissen lebenden Eagelhäuser Bevölkerung
bekundet sich in der Liebe, die sie ihrer Todtenstadt
zutheil werden lässt. Die Dreifaltigkeitskirche selbst
aber befindet sich leider im Zustande des Verfalles.
Wenn sie auch gerade keinerlei hervorragende Künst-
werke in sich birgt, ja im Gegentheile einen Ueber-
fluß an Abgeschmacktheiten, bleibt sie doch und zwar
wegen ihres eigenartigen Geundrisses, und der
wahrscheinlicherweise einzig? dastehenden Postierung
der Sakristei inmitten des Kircheninnern ein Merk-
zeichen selbständigen deutschen Schaffens und eine
der Kanstgeschichte angehörige Curiosität; aus diesen
Gründen wäre eine Restaurierung derselben mit
Freude zu begrüßen. Möge sie nur ein gnädiges
schick vor unberufener Hand bewahren, damit
der Kunstgeschichte ein Baustein, dem Kirchlein selbst
aber der Zauber der Originalität erhalten bleibe!
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