Text auf der Seite 3
Text:
1. März 1898
„Karlsbader Badeblatt und Wochenblatt“ Nr. 48
Seite 3
lastung des unteren Stadttheiles von den Ver-
brennungsproducten dieser Kohlenmenge herbei-
führen.
Während im Jahre 1894 nur die Sprudel-
gasse mit Holzſtöckelpflaster versehen war, ist der-
zeit schon die Strecke Villa Mattoni bis Theater
mit diesem Pflaster belegt und dürfte mit Ende
1898 der ganze rechtstheilige Straßenzug damit
versehen sein, in gleicher Weise wurden die
Asphalttrottoirs fortgesetzt und in den wichtigsten
Straßen durchgeführt.
Nebst der gründlichen Lösung der Erbreiterung
der Kreuzgasse und des Quais vor dem Mühl-
brunnen, wurde auch die Passage in der frequenten,
Sprudelgasse durch Demolierung des Hauses
„Goldene Kanne“, an dessen Stelle die neue
Feuerwehrcentralhalle kam, durch Beseitigung
der Rampe beim Hause „Mariahilf“ und durch
die mit Ausführung der Holzstöckelpflasterung ver-
bundene Regulierung bei der Hygeashalle be-
deutend verhessert, ebenso wurde die Erbreiterung
der Marienbader Straße durchgeführt unter gleich-
zeitiger Erbauung der neuen Ufermauer daselbst.
Die Stiegenanlagen in der Parkstraße ermöglichen
eine kürzere Communication mit den benachbarten
Straßen des Schlossberges und Westends. Die
lebhafte Bauthätigkeit in dem Stadtviertel nächst
dem künftigen Centralbahnhofe machte die Anlage
mehrerer neuen Straßen, so der Lothringer
Straße, Brückenstraße und Waldzeile sowie die
Verlängerung des Elisabethquais nothwendig.
Es ist nun selbstverständlich, daſs sich die
Stadtvertretung mit der so wichtigen Frage der
Aprovisionierung Karlsbads gleichfalls beschäftigte.
Die starke Einfuhr von Fleisch aller Sorten,
1897. 941.780 xigr. betragend, erfordert eine
intensive thierärztliche Controle, zu deren Er-
leichterung beim hohen Landesausschusse ange-
sucht wurde, in Karlsbad nur Fleisch von Thieren
zur Einfuhr zuzulassen, die in einem öffentlichen,
unter sachmännischer Controle stehenden Schlacht-
hause geschlachtet wurden. Der aufgestellte
Dampfkochapparat für schwachfinniges und minder-
wertiges Fleisch bewährt sich vollständig, es kamen
im Jahre 1897 1400 Klgr. Fleisch zum Kochen
und zum Verkaufe. Auch die Einrichtung der
Freibank erwies sich als volkswirtschaftlich nutz-
bringend. Ebenso wurden in der Controle anderer
Nahrungsmittel wesentliche Fortschritte gemacht.
Mit der Schaffung des neuen Marktes im Kaiser
Franz Josefs-Parke wurde die Leitung des ge-
sammten Marktwesens dem städt. Thierarzte unter-
stellt und diesem ein entsprechend vorgebildeter
und geprüfter Marktrevisor und zwei Marktauf-
seher zugetheilt, welche nebst der Aufsicht auf
dem Markte die Revision der Geschäfte für
Lebensmittel, sowie die Untersuchung der Milch
und Butter zu besorgen, ebenso den Verkehr mit
Obst, Gemüsen und Schwämmen zu überwachen
haben.
Endlich sei in sanitärer Beziehung noch der
Erbauung mehrerer Bedürfnisanstalten sowie der
Reconstruction und Vermehrung der bezüglichen
Anlagen in der Mühlbrunncolonnade und beim
Sprudel gedacht.
Es ist der jetzigen Stadtvertretung beschieden
gewesen, die seit einer Reihe von Jahren ob-
schwebende Frage der Erbauung der Localvahnen
Marienbad-Karlsbad und Karlsbad-Johann-
georgenstadt und die hochwichtige Frage des
Centralbahnhofes zu einer glücklichen, wenn auch
mit materiellen Opfern verbundenen Lösung zu
bringen und damit richtige Vorbedingungen für
den Handel und Verkehr unserer Stadt zu schaffen.
Hand in Hand mit den Projecten für die Eisen-
bahn und theilweise beeinfluſst und abgeändert
wegen denselben wurden die Projecte für den
Hochwasserschutz durch Thalsperren im Teplthale
und dessen Seitenthälern verfasst und liegen
derzeit bis auf eine neuprojectierte Thalsperre
fertig vor. Die Anlage einer Rennbahn für
Trab- und Flachrennen ist in Ausführung be-
griffen. Karlsbad will damit den zahlreichen
nicht zur Kur hier weilenden Fremden eine Ab-
wechslung bieten und wenn möglich die Vor-
und Nachsaison durch den Zuzug von Sports-
liebhabern und Touristen lebhafter gestalten.
Die im gleichen Sinne in der verflossenen Saison
inscenierten Blumen- und Radfahrcorso hatten
sich eines vollen Erfolges zu erfreuen.
Der Besitz der Stadtgemeinde wurde durch
zahlreiche Ankäufe von Grundstücken erweitert,
deren Erwerbung zumeist wegen der Gewinnung
von Trinkwasser oder behufs Aufforstung erfolgte.
In die letzte Zeit fällt die Erwerbung der Schützen-
hausgründe, womit unter beiderseitigem Entgegen-
kommen ein befriedigender Ausgleich erfolgte. Das
städtische Promenadennetz wurde von 90 auf
100 Kilometer vergrößert und eine Reihe neuer
beliebter Spaziergänge geschaffen, von denen hier
nur der Königin Carolaweg, der Verbindungs-
weg an der Lehne des Hirschensprungs und jener
unterhalb der Straße zur Stefaniewarte genannt
werden soll.
Aus dieser, durchaus nicht den Anspruch auf
Vollständigkeit machenden Thätigkeitsübersicht der
abgelaufenen drei Jahre geht wohl hervor, dass
der Stadtvertretung ein mannigfaltiges und
interessantes Arbeitsmateriale vorlag. Es ist
daher auch eine stetige Zunahme der Agenda
des Stadtrathes und der städtischen Aemter zu
constatieren. Das Einreichungsprotokoll des Stadt-
rathes ist auf 19.000, jenes des Polizeiamtes
auf 33068 und des Bauamtes auf 4320 Nummern
gestiegen. Es bedurfte des eifrigen Zusammen-
wirkens aller berufenen Factoren, um dieses
Materiale zu bewältigen und die Verwaltung
der Gemeinde in normalem Gange zu erhalten.
Gestatten Sie mir, daſs ich Allen, welche mich!
in der Erledigung dieser Fülle von Arbeit in
irgend einer Weise unterflützt haben, meinen auf-
richtigsten und verbindlichsten Dank ausspreche.
Vor Allem danke ich den Herren Stadträthen
für die bewährte Freundschaft, mit der sie mir
mit Rath und That in der Erfüllung meiner
Pflichten zur Seite geständen sind, ich danke den
Herren Mitgliedern des Stadtverordneten Col-
legiums — Stadtverordneten und Ersatzmännern
für den Eifer und die Ausdauer, mit der sie
der Abwicklung unserer zahlreichen Arbeiten stets
gefolgt sind; lassen Sie uns in pietätvoller Er-
innerung der Männer gedenken, welche der un-
erbittliche Tod aus unseren Reihen gerissen hat
und ihnen ein freundliches Andenken bewahren!
Herzlichen Dank habe ich zu sagen dem Vor-
sitzenden der Armencommission Herrn Stadtrath
Adolf Groß, den Herren Armen-Bezirksvorstehern
und den Herren Armenpflegern für die große
Mühe und Sorgfalt, mit der sie ihres Amtes
im Dienste der Nächstenliebe gewaltet haben.
Gleichen Dank habe ich zu sagen dem Herrn
Stadtverordneten Karl Johann Baier als In-
spector der städtischen Cassen für die seltene
Umsichtlund Gewissenhaftigkeit in Erfüllung seines
Amtes, den Herren Stadtverordneten Anton
Reinl und Franz Höller als Waldcommissäre
für die eifrige Ueberwachung unseres Forstdienstes.
Zu aufrichtigem Danke sind wir verpflichtet
dem Herru k. k. Statthaltereirathe Dr. Ferdinand
Ritter von Maurig, in dem unsere kurörtlchen
Interessen stets einen eifrigen Förderer und Für-
sprecher fanden.
Evenso habe zu danken den städtischen Herren
Beamten, welche, ihre Vorstände an der Spitze,
in treuer und pflichtbewasster Mitarbeit dem
Stadtrathe zur Seite standen.
Lassen Sie mich endlich danken allen Gönnern,
und Förderern des Kurortes, Allen, die mit
Rath und That zu der Entwicklung und dem
Gedeihen desselben irgendwie beigetragen haben.
Mit Genugthnung blicken wir am Schlusse
unserer Thätigkeit auf die geleistete Arbeit zurück,
lassen Sie uns hoffen, daſs auch die Zukunft
ein gleiches Bild bieten möge!
Ueber Antrag des Herrn Stadtverordneten
Ernest Stark wurde seitens des Collegiums dem
Herrn Bürgermeister Schäffler der herzlichste
Dank zum Ausdrucke gebracht.
Einberufer derselben waren die Abgeordneten Georg
Schönerer und Karl Iro. Der Besuch war ein
massenhafter. Die Städte Eger und Asch, das ganze
Egerland und selbst die weitere Umgebung, ja sogar
Sachsen und Baiern, stellten Theilnehmer, deren Zahl
auf einige Tausend geschätzt werden darf. Die meisten
waren mit Kornblumen oder schwarzrothgoldenen Schleifen
geschmückt. Von den Häusern der Stadt wehten mächtige
Fahnen in den deutschen Farben und die Straßen wiesen
schon seit frühen Morgen ein bewegtes Leben auf, denn
jeder einmündende Zug, brachte neue Theilnehmer. Die
Behörde hatte umfassende Sicherheitsvorkehrungen ge-
troffen: Die Gendarmeriemannschaft war bedeutend ver-
stärkt und das Militär hatte Bereitschaft. Die Ver-
sammlung war auf geladene Gäste beschränkt. Schon
vor Beginn waren die großen Räume so dicht gefüllt,
daſs die Schließung des Saales vorgenommen werden
muſste und solcher Art Hunderte von Ankömmlingen
keinen Einlaſs mehr fanden. Unter den Theilnehmern
befanden sich Bürgermeister und Gemeindevorsteher, Be-
zirksobmänner, Doctoren, Bürger und Bauern. Als
Regierungsvertreter fungierte Statthaltereiconcipist Hirsch.
Von eingelaufenen Begrüßungstelegrammen kamen
dasjenige des Abg. Dr. Bareuther und des Abg. Dr.
Reiniger zur Verlesung. Zur Tagesordnung ergriff als,
erster der Bürgermeister Johann Sandner von Steingrub
das Wort zu dem Thema: „Ueber den ungarischen Aus-
gleich.“ Abg. Iro sprach über die Zweitheilung Böhmens,
gegen welche er mit Rücksicht auf die Geschichte dieses
Kronlandes, welches ehedem deutsches Reichslehen war,
Stellung nahm und über die durch rechtsgiltige Urkunden
verbrieften Sonderrechte der Stadt Eger, des Egerlandes
und des Ascher Gebietes, Schriftleiter Hofer verbreitete
sich über die anzustrebenden Socialen Reformen auf na-
tionaler Grundlage, Schriftleiter Tins über die Rechte
der freien Volksvertretung und über den Antrag Fallen-
hayn, Schriftleiter Stein über die Frage des Judenthums
und der Socialdemokratie und als letzter Abg. Schönerer
über die Sprachenfrage. Den einzelnen Reden, welche
wiederholt von lebhaften Heilrufen unterbrochen wurden,
folgte jedesmal stürmischer Beifall. Ihr wesentlichster In-
halt und die in ihnen aufgestellten Forderungen erhellen
deutlich aus den nachfolgenden einstimmig angenommenen
Resolutionen:
„Im Hinblicke auf die schwere Schädigung, welche
die heimische Landwirtschaft durch das bisherige Ver-
hältniss zu Ungarn nachweisbar erlitten hat, erklärt
die Versammlung, daſs die Personalunion dem gegen-
wärtigen Zustande entschieden vorzuziehen sei.“
„Die Versammelten erklären, daſs es im natio-
nationalen Interesse und somit im Interesse der Ge-
meinbürgschaft aller Deutschen in Oesterreich gelegen
ist, daſs die ehemaligen deutschen Bundesländer ein
unzertrennbares Ganze bilden, weshalb jede Theilung
eines dieser Länder als der Zukunft des deutschen
Volkes abträglich bezeichnet werden muss. Die Ver-
sammelten erklären, daſs sie an dem verbrieften Rechte
der Unabhängigkeit Eger's und seines Gebietes von
Böhmen und an dem verbrieften Sonderrechte des
Ascher-Gebietes unverbrüchlich festhalten und daſs dieser
Standpunkt gegenüber den staatsrechtlichen Bestrebun-
gen der Tschechen jederzeit zum Ausdruck gebracht
werden muſs.“
„Die Versammelten erklären, daſs sie eine Besse-
rung der wirtschaftlichen Zustände und gesellschaftlichen
Verhältnisse nur in einer tiefeinschneidenden gerechten
Socialreform auf nationaler Grundlage erblicken können
und erwarten, daſs, sobald dem deutschen Volke in
nationaler Beziehung sein Recht geworden sein wird,
eine solche Reform endlich mit Ernst in Angriff ge-
nommen werde.“
„Die Versammlung erblickt in dem von den Abg.
Grafen Falkenhayn und Genossen gestellten und vom
Präsidium mit Polizeigewalt zur Durchführung ge-
brachten Antrage auf gewaltsame Abänderung der Ge-
schäftsordnung des Abgeordnetenhauses einen unerhörten
Eingriff in die gesetzlich gewährleisteten Rechte der
Volksvertretung und spricht das Befremden aus, daſs
ein solches beispielloses Vorgehen bis heute ohne Sühne
geblieben ist.“
„Mit Rücksicht auf den durch die Badenischen
Sprachenverordnungen neuerlich unternommenen Ver-
such, die Sprachenfrage im gesetzwidrigen Verordnungs-
wege einer dem deutschen Volke abträglichen Lösung
zuzuführen, erklärt die Versammlung, daſs die Sprachen-
verordnungen zurückgezogen werden müssen, und daſs
die Sprachenfrage im Wege der Gesetzgebung zu regeln
Nationale Versammlung in Eger.
(Original-Bericht.)
Eger, am 27. Feber.
Heute Nachmittag um 1/22 Uhr fand hier im großen
Saale des Schießhauses eine deutschnationale Versamm-
lung statt mit dem Zwecke der Stellungnahme zu den
jüngsten Erscheinungen der Innerpolitik Oesterreichs.
2.5.?
112 1.
e..
Dateiname:
karlsbader-badeblatt-1898-03-01-n48_2125.jp2