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Rechte seines nächsten und intimsten Erbfeindes wäre ge- radezu rührend, wenn man nicht aus dem „Das läßt Du Dir, Sultan, vom kleinen Alexander nicht gefallen“ gleich das „Oder ich haue“ heraushörte. Man thäte dem Zaren Unrecht, wollte man das ewige Hetzen gegen den Fürsten von Bulgarien, auf seine bekannte persönliche Animosität gegen den Battenberger zurückführen. Wenn der Zar auch im Guten wie im Bösen kleinlich ist, wenn der Selbstherrscher aller Reußen auch sehr viel per- sönliche Politik treiben kann, so klein ist Alexander III. denn doch nicht, um aus persönlichem Groll einen Krieg herbei- zuführen; dazu ist er denn doch zu edel und zu ehrlich und gutmüthig. Außerdem kann heutzutage selbst in Rußland ein Herrscher zu seinem Privatvergnügen nicht einen Krieg befehlen. Die Ursachen sind tieferliegende und darum ernster zu nehmende, womit keineswegs gesagt werden soll, daß diese tiefer liegenden Ursachen berechtigte sind, oder daß sie sofort zur Katastrophe führen müssen, d. h. schon jetzt ernst zu nehmen sind. Rußland hat mit seinem, natürlich aus den edelsten Motiven, für Christenthum und Humanität unternommenen letzten Kriege gegen die Türkei verzweifelt wenig praktische Resultate für sich erzielt. Das praktischeste Resultat schien noch die Creirung eines wenn auch verkleinerten, nur dem Namen nach nicht ganz unabhängigen Fürstenthums Bul- garien, wenn dieses Bulgarien aus Dankbarkeit, Bequem- lichkeit und Liebhaberei für russische Rubel in russischem Sinne sich hätte regieren, und eines schönen Tages als die schönste und bequemste Etappe in einem neuen und dann letzten Kriege gegen das Türkenreich in Europa verwenden lassen wollen. Aber „es wär so schön gewesen, es hat nicht sollen sein.“ Obschon der bulgarische Dank jedenfalls aufrichtiger gefühlt als die russische Hilfe seinerzeit eine un- eigennützige geleistet war, so wollten die Bulgaren denn doch nicht aus dem türkischen Regen unter die russische Traufe gekommen sein, und Fürst Alexander der Kleine hatte die Unverfrorenheit vom großen Zaren Alexander sich nichts befehlen lassen, seine eigenen Wege gehen zu wollen, ja in geschickter Weise elegante Staatsstreiche auszunützen, sich zu vergrößern, im Kriege zu siegen, und zuletzt noch mit dem Sultan zu fraternisiren. Mit anderen Worten Fürst Alexander hat de facto das einzig Schöne, was der Ber- liner Vertrag von den vielen schönen Dingen des Vertrages von San Stefano den Russen gelassen hatte, den Russen genommen. Und so etwas kränkt. Das jetzige russische offene und heimliche Hetzen ist die Rückwirkung jener tief empfundenen Kränkung. Ob und wie und wann Rußland sich wird Genugthuung für die erlittene Kränkung und Einbuße verschaffen können, wird vielleicht in den nächsten Wochen entschieden werden, wenn Kaiser und Minister in idyllischen Badeorten wichtige Be- sprechungen halten werden. Kaiser Wilhelm wird mit dem Kaiser Franz Josef in Gastein zusammenkommen und man spricht wieder auch von einer Zusammenkunft des Kaisers Alexander mit dem Kaiser von Oesterreich. Fürst Bismarck wird den Grafen Kalnocky sehen, und Herr von Giers ist auch nicht weit. Es ist möglich, daß man die Stellen, wo die Balkanflamme bereits hervorzüngelt, noch schnell für einige Zeit zuklebt, es ist aber nicht unmöglich, daß wir der Eröffnung eines neuen Orientkrieges näher sind, als sich die geschultesten Diplomoten träumen ließen, da man vor Kurzem sich der Freude hingab, daß Griechenland end- lich zur Raison gebracht worden ist. sokal- und Bäder-Nachrichten. (Vicomte de Bresson, ) bevollmächtigter Minister aus Paris, zählt seit gestern zu Karlsbad's Kurgästen. (Sanitätsrath Dr. Kronser. †) Eine gestern uns zugekommene Parte zeigt uns das am 3. Juli Vormittags 10 Uhr erfolgte Ableben des gewesenen lang- jährigen Karlsbader Badearztes, herzoglich anhaltischen Sanitätsrathes Dr. Nikolaus Kronser an Der- selbe verschied nach mehrmonatlichen Leiden im 76. Lebens- jahre in Cues bei Berncastel an der Mosel im preußischen Regierungsbezirke Trier, wo der Verstorbene eine kleine Besitzung hatte. — Dr. Kronser war eine lange Reihe von Jahren hindurch ausübender Badearzt in Karlsbad, das zunehmende Alter jedoch, und ein mit den Jahren fortschreitendes Leiden geistiger Natur waren Ursache, daß in der letzten Zeit der ehedem vielgesuchte Arzt immer mehr an Praxis verlor. — Im vorigen Jahre war Dr. Kronser zum letzten Male nach Karlsbad gekommen — im dießjährigen Frühjahre blieb er aus, und nun erlöste ihn der Tod von einem durch das Alter und sein Leiden in der letzten Zeit verleideten Dasein. — Die Beerdigung fand gestern, Dienstag, Vormittag halb 10 Uhr in Cues statt. Dr. Kronser übte die Praxis hier seit 1859 aus. (Eine Gedankenleserin.) Im „Neuen Wiener Tagblatt“ vom 1. d. M. begegneten wir einer interessanten Notiz, welcher wir in ihrem Wortlaute heute aus den am Schlusse angeführten Gründen nachstehend Raum geben. Besagte Notiz lautet: „In unserem Bureau stellte sich gestern eine Gedanken- leserin vor, die Vieles von Mr. Cumberland voraus hat, der vor einigen Jahren durch seine Experimente so viel Aufsehen erregte. Vor Allem ist es eine Dame, die von der Natur, man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, mit allen Reizen ausgestattet erscheint. Man denke sich das schönste, goldblonde Haar, welches in üp- piger Fülle den Kopf' ziert; ein Gesicht, das durch helle, blaue Augen belebt wird; einen zierlichen Mund, zwei Reihen verlenweißer Zähne, kurz, eine Erscheinung, die im ersten Augenblick auf Jedermann sympathisch wirken muß. Fräulei Lucy de Geutry — so der Name der Gedankenleserin — macht Vieles, was Mr. Cumberland und all' Diejenigen, die später nach ihm als Gedanken- leser aufgetreten, nicht vermocht haben; sie begnügt sich nicht damit, Gegenstände aufzufinden, die an irgend einem beliebigen Ört verwahrt werden, sie thut vielmehr Alles, woran ihr Medium denkt und macht Alles nach, womit es sich beschäftigt. So schreibt sie, indem sie die Hand ihres Mediums führt, in allen Sprachen und allen Schriftarten; sie schreibt ebenso geläufig deutsch, fran- zösisch, englisch u. s. w., wie sie die Schriftzeichen der alten Griechen und der modernen Russen nachmacht. Sie spielt alle Kartenspiele, ohne die Karten selbst zu kennen, indem sie, ihrem Medium folgend, die Karte ausspielt, welche dieses sich gerade denkt. Ebenso spielt sie Schach, ohne das Schachbrett und die Schachfiguren zu sehen; sie führt eben die Hand ihres Mediums und macht die Züge, die der Schachspieler denkt. Sie thut dies Alles natürlich nur in Ausführung des Gedankens ihres Mediums und sie unterscheidet sich deshalb wesent- lich von Mr. Cumberland, weil sie Alles ausführt, wo- ran ihr Medium denkt. Frl. Lucy de Gentry ist' eine geborene Amerikanerin; sie spricht übrigens deutsch mit einem allerliebsten fremdländischen Accent. Sie ist vor- läufig noch nicht öffentlich aufgetreten, sie hat nur in Privatzirkeln Vorstellungen gegeben und die Gäste durch ihre Experimente geradezu verblüfft. Fräulein Luch be- gibt sich in einigen Tagen nach Karlsbad, Marienbad und Teplitz und gedenkt erst im Herbst sich dem Wiener Publikum zu zeigen. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß die Gedankenleserin die Gedanken Aller, die ihre Experimente zu sehen Gelegenheit haben werden, weit mehr beschäftigen wird, als dies bei Cumberland der Fall war.“ Die interessante junge Dame hat sich nun in der That nach Karlsbad begeben; dieselbe weilt seit einigen Tagen hier und ist in der gestern ausgegebenen Kurliste aufge- führt. Fräulein de Gentry hat auch hier bereits, und zwar am Sonntag im Salon einer der hohen Aristokratie an- gehörenden Dame vor einem Kreise von Kavalieren und deren Damen mit ihren Experimenten staunende Bewun- derung erregt und thatsächlich die Gedanken ihrer Medien leicht errathen. So bat sie z. B. einen der anwesenden Kavaliere, sich etwas zu denken, was sie thun solle — Frl. Lucy entnahm alsbald einem im Salon befindlichen Bou- quet eine gelbe Rose und reichte selbe einer jungen Dame der hohen Gesellschaft — zum nicht geringen Erstaunen aller Anwesenden bestätigte der als Medium dienende Kavalier, daß dies in der That sein Gedanke war und daß er dieselbe Rose aus dem vollen Bouquet gemeint hatte, welche die Gedankenleserin der Komtesse überreichte. So führte dieselbe eine Reihe überraschender Experimente durch und erzielte mit Allem das höchste Erstaunen der gewählten Gesellschaft. — Fräulein de Gentry, welche gestern einen Besuch in unserem Redaktionsbureau ab- stattete, theilte uns nun mit, daß sie über vielfache Auf- forderung hier vor die Oeffentlichkeit zu treten gedenke, und zwar am Freitag Abend im Saale des Kurhauses, an welchem Abend die bekannten Wiener Gesangs-Humo- risten Löwy und Schwarzmayer ein Konzert veran- stalten, dessen zweite Abtheilung eine Séance des Fräulein de Gentry bilden wird. — Der viel Interessantes ver- sprechende Abend, auf den wir noch zurückkommen werden, bietet unserem Kurpublikum gewiß eine willkommene Ab- wechslung in den Vergnügungen der Saison. (Tiroler Glasmalereien.) Die von uns bereits angekündigte Ausstellung von Bildern der Tiroler Glas- malerei in Innsbruck wird heute in den Lokalitäten des „Freundschaftssaales“ eröffnet. — Der Ruf, welchen sich die genannte, vor gerade einem Vierteljahrhundert in's Leben gerufene Kunstanstalt durch die hohe Vollendung ihrer Erzeugnisse erworben hat, ist ein ebenso hervorragen- der als wohlverdienter. — Die großen gemalten Glas- fenster aus der Junsbrucker Anstalt gehen heute in die ganze Welt und sind eine erhebende Zierde zahlreicher Kathedralen und Kirchen, von denen wir beispielsweise jene zu Wien, Agram, Prag, Köln, Münster, Rom, Alexandrien und Konstantinopel nennen. Besonders Amerika bezieht seit Jahren seinen Schmuck für Kirchenfenster aus der genannten Tiroler Kunstanstalt, welche gegenwärtig wohl die erste ihres gleichen in der Welt ist. — Von den Glasmalereien kirchlichen Charakters sind hier aus- gestellt: 1. Die Verklärung Christi, bestimmt für die Kirche zu Borken; 2. die Hochzeit zu Kanaan; 3. der Mannaregen in der Wüste, beide bestimmt für den Dom zu Münster; 4. Kreuzeurhöhng, bestimmt für Reading (Ame- (Professor Strakosch) hielt gestern seine drama- tische Vorlesung, wie wohl nicht anders zu erwarten, vor einem zahlreichst erschienenen und andächtig lauschenden Publikum. — Professor Strakosch ist in der That ein Meister des Vortrages, gleichviel ob er mit seinem mäch- tigen Organ die Forums-Szenen aus Julius Cesar hinaus- donnert oder Coppe'sche Balladen recitirt — er ist des gesprochenen Wortes Herr — und darin liegt sein Ruf. rika); 5. der verlorene Sohn, bestimmt für Boston (Amerika); 6. der heilige Thomas von Aquina, bestimmt für Brook- lyn (Amerika); 7. die Aussendung der Apostel, bestimmt für den Dom in Linz. Außerdem enthält die Exposition noch eine reichhaltige Sammlung von Glasmalereien, welche für profane Gebäude und vorzüglich für das Wohnhaus bestimmt sind, als: Kabinetsstücke aus dem Familienleben, bestimmt für Speise- oder Spielzimmer, Thüren und Stiegenräume. — Der Eintrittspreis zur Ausstellung be- trägt für die Person 20 kr. und ist für Schüler unter Führung ihrer Lehrer auf 5 kr. festgesetzt. — Der Aus- stellungsertrag fällt dem hiesigen Vereine zur Errichtung von Kindergärten zu. (Bad Elster.) Das noch immer anhaltende unbe- ständige und regnerische Wetter übt auf die Frequenz un- seres Bades einen sehr nachtheiligen Einfluß; indeß steht die Fremdenzahl verglichen mit der vorjährigen auf ziem- lich gleichem Niveau. — Seit Beginn der Saison ist auch hier die elektrische Beleuchtung im Saale des Hotels „de Saxe“ (Kursaal) durch zwei große Bogenlampen eingeführt, während an den Seiten des Saales und auf dem Orchester Glühlampen sich befinden. (Vom Fichtelgebirge.) Noch immer stehen un- sere Verkehrsverhältnisse unter dem Einfluß der, leider noch nicht zur Stabilität gekommenen sommerlichen Witterungs- verhältnisse. Schon seit den Pfingstfeiertagen, wo sonst die Gasthöfe überfüllt und manche Touristen gezwungen waren, sich mit einem sehr bescheidenen Nachtlager zu be- gnügen, ist diesmal der Fremdenverkehr wegen des fast täglichen Regenwetters nur sehr schwach gewesen. Wun- siedel, Weissenstadt und Berneck, die am meisten besuchten Orte haben unter dieser Kalamität sehr zu leiden. (Wildungen.) Nach erfolgreich gebrauchter, mehr- wöchentlicher Kur hat Se. Majestät der König von Holland mit seiner Familie unser Bad wieder verlassen und sich zu kurzem Besuch nach Arolsen zu den fürstlichen Schwieger- eltern begeben. (Feldzeugmeister Freiherr von Philippo- vic,) der kommandirende General im Königreich Böhmen ist gestern in Begleitung des Generalstabschefs Obersten Fabini hier behufs Inspizirung des Militärbadehauses eingetroffen. Wiener Börse vom 6. Juli 1886. 85.20 Einheitliche Staatsschuld in Noten . Einheitliche Staatsschuld in Silber .. Oesterr, Goldrente. Noten-Rente Aktien der österr.=ung. Bank .. Kreditaktien. -........... 20-Francs-Stücke K. k. Münz-Dukaten Deutsche Reichsbankuoten 85.95 117.80 102.= 74. = 76.60 126.40 10.01 5.94 62.05 MATTONiS und Curort GIESSHUBL-PUCHSTEIN (Giesshübler Sauerbrunn.) Kurdirektor; Dr. W. Gastl.? Beliebtester Ausflugsort der Karlsbader Kurgäste. Gute Restauration. Post- und Telegrafen-Station. Omnibus täglich zweimal ab von Karlsbad um 11 Uhr Vorm. u. 1 Uhr Nachm. (Abfahrt vom Gold. Schild, Post-Bureau.) t Roscher’s Theater-Café, höchst elegant mit Vorgarten, Neue Biliards. Hotel „Goldener Schild“ und „Zwei deutsche Monarchen“, qöpsteo Jotef λavtobado, 160 elegante Zimmer und Salons, zwel Spolse- Säle und grosser Garten. Braten am Spiess und Rost. Elegante Equipagen und Einspänner nach der Taxe. F. Roscher, Hotelier. als anerkannt bestes Tafelwasser und be- währtes Heilmittel gegen die Leiden der Athmungs- organe, des Magens und der Blase ärztlich empfohlen. Niederlage: Karlsbad, Markt, im Hause „Planeten“
Dateiname: 
karlsbader-badeblatt-1886-07-07-n58_1460.jp2